WINTZENHEIM 39-45

Exposition sur la justice nazie à Stuttgart en 1944


AUSSTELLUNG NS-JUSTIZ IN STUTTGART : Nie geht es nur um Vergangenheit

Ende Januar 2019 wurde die Ausstellung „ NS-Justiz in Stuttgart “ vor geladenen Gästen eröffnet. Es sprachen wichtige Leute, unter anderem Guido Wolf, der Landesjustizminister. Nicht zu Wort kamen die anwesenden Töchter bzw. Söhne der französischen Widerstandskämpfer, die die Nazis 1944 im Lichthof des Oberlandesgerichts Stuttgart köpfen ließen. Verantwortlich für die Ausstellung ist das „ Haus der Geschichte BadenWürttemberg “.

Die Missachtung der Nachkommen von Nazi-Gegnern bei der Eröffnung der Ausstellung ist kein Fauxpas, sondern die konsequente Fortsetzung dessen, was in der Ausstellung selbst bzw. im Katalog zu sehen oder nicht zu sehen ist:
• Von den acht Antifaschisten aus dem Elsass, die die Nazis in Stuttgart geköpft haben, sind im Katalog nur vier genannt.
• Die acht Mitglieder einer Widerstandsgruppe aus Dijon werden im Katalog nur erwähnt, um die Geschwindigkeit des serienmäßigen Köpfens zu belegen. Die Menschen, um die es geht, ihr Gesicht, ihre Geschichte, ihre Taten, über all das wird nicht berichtet.
• Alle Widerstandskämpfer haben in der Ausstellung und im Katalog keine Familie, keine Kinder, sie sind dort keine Gewerkschafter oder Kommunisten.

Die Entpolitisierung und Individualisierung der Ermordeten als „ Opfer “ hat System :
• Die Widerstandskämpfer aus dem Elsass waren keine Einzelkämpfer. Sie gehörten zur Résistance-Gruppe „ Wodli “. Das erfährt in der Ausstellung niemand.
• Die Eisenbahner aus Dijon waren in ein Netzwerk von Widerstandsgruppen der kommunistischen Partei eingebunden. Gegen ihre Verurteilung gab es Streiks der Gewerkschaft der Eisenbahner, gab es Demonstrationen in den Straßen von Dijon. In der Ausstellung erfährt niemand, dass es organisierten Widerstand gegen die Nazis gab.
• Paolo Rossi und André Rouesné aus der Region Nantes waren in der Résistance und in der kommunistischen Partei bzw. bei den FTP (Francs-Tireurs et Partisans) organisiert.
• Marcel Weinum war die treibende Kraft der Widerstandsgruppe „ Schwarze Hand “ in Strasbourg, bestehend aus Jugendlichen, von denen 26 in die Fänge der Gestapo gerieten.

Die Nazi-Gegner aus Frankreich werden von aktiv Handelnden, von Subjekten der Geschichte, zu passiv Leidenden, zu Objekten, zu bloßen „ Opfern “ umgewidmet. 28 der 31 in Kurzbiografien vorgestellten Nazi-Richter werden mit einem Foto vorgestellt. Anders die Menschen, die sie „ verurteilt “ haben. 25 der 26 genannten Angehörigen der Résistance haben keine Biografie und schon gar kein Bild. Das einzige Bild ist ein Täter-Foto, ein Dreier-Streifen der Staatspolizeistelle Stuttgart – obwohl Bilder von den Widerstandskämpfern vorliegen. Nur fünf der 19 Mitglieder der Lechleiter-Gruppe aus Mannheim/Heidelberg haben eine Kurzbiografie mit Bild erhalten. Immerhin sind alle Nazi-Gegner mit Namen auf den drei Stelen vor dem Landgericht, die zur Ausstellung gehören, aufgeführt. Als Grund für ihre Ermordung ist „ politisches Delikt “ angegeben, ein laut Katalog „ neutraler Begriff “; aber: „ Delikt “ bleibt auch 2019 „ Delikt “, also eine Straftat.
Dennoch ist die Ausstellung sehenswert : Sie dokumentiert mit Bildern und Biografien zum ersten Mal die Schicksale von 75 jüdischen Juristinnen und Juristen aus dem Landgerichtsbezirk Stuttgart nach 1933. Sie erhielten Berufsverbot, 49 konnten rechtzeitig fliehen, vier starben in ihrer Heimat, drei überlebten in Stuttgart, einer flüchtete vor der Deportation in den Tod, zwei überlebten die Verschleppung ins Konzentrationslager Theresienstadt, einer überlebte in der Illegalität in Frankreich die NS-Zeit, ein Schicksal ist unbekannt; 14 ermordeten die Nazis in Konzentrationslagern.
Eine Reihe von erschreckenden Beispielen verdeutlicht die Radikalisierung des Unrechtsregimes der NS-Justiz : Für Eigentums-, Wirtschafts-, Gewalt- und Sexualdelikte verhängten die Richter die Todesstrafe, wenn „ das gesunde Volksempfinden “, die „ allgemeine Abschreckung “ oder der „ Schutz der Volksgemeinschaft “ dies angeblich erforderten. 60 Prozent der Todesurteile des Sondergerichts Stuttgart betrafen Eigentums- und Wirtschafts-Delikte.
Der letzte Teil der Ausstellung beleuchtet den Umgang mit den Tätern der NS-Justiz nach 1945. Dort ist dokumentiert, dass niemand aus der Stuttgarter Justiz, der an Unrechts- bzw. Todesurteilen beteiligt war, tatsächlich belangt wurde. Erst 2019 wird klargestellt, dass eine wirkliche Entnazifizierung nicht stattgefunden hat oder dass kaum ein Täter von der Karriereleiter stürzte. Die meisten Täter beendeten ihre Berufslaufbahn in der Justiz z. B. als Staatsanwalt, Oberstaatsanwalt, Landgerichtsdirektor, Ministerialbeamter im Justizministerium, Richter am Bundessozialgericht.

Brigitte und Gerhard Brändle


Eugène Boeglin, geboren 1912 in Obermichelbach im Elsass, verheiratet, ein Kind, Lehrer, Gewerkschafter, Kommunist, Mitglied der Résistance-Gruppe „Wodli“, am 01. Juni 1943 in Stuttgart geköpft (Fotos : L’Humanité d’Alsace et de Lorraine, 04./ 05.02.1945)

Auguste Sontag, geboren 1915 in Wintzenheim im Elsass, verheiratet, ein Kind, Lehrer, Gewerkschafter, Kommunist, Mitglied der Résistance-Gruppe „Wodli“, am 01. Juni 1943 in Stuttgart geköpft.


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